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Der schwarze Stern

An Tagen wie diesen erinnere ich mich oft an den Sommer im Jahre 1314 zurück…

Die Sommer um 1311 und 1312 waren unerträglich heiß. Eigentlich recht mild im Vergleich zu den Sommern der letzten Jahre. Dennoch für jemanden, der mit Sonne und Wärme nicht viel anfangen kann war es auch damals schon viel zu heiß. Es ist nicht so, als würde ich am liebsten in ewiger Dunkelheit leben wollen, jedoch ist mir der Sommer einfach zu hell, zu laut, zu unruhig, und vor allem zu heiß!

Damals vor 706 Jahren beschloss ich, etwas dagegen zu unternehmen. Ich war damals grade mal 128 Jahre alt und noch ein junger Heißsporn. Ich hatte es satt jedes Jahr hohe Temperaturen, längere und hellere Tage ertragen zu müssen. Drum grübelte ich nach und forschte in alten Büchern.

Es hat etwas gedauert und einfach war es auch nicht, jedoch fand ich tatsächlich einen Weg, der mir half, mein Leiden zu beenden, so dachte ich jedenfalls. Ich erlernte eine mächtige und gefährliche Hexerei.

Dann im Jahre 1314, stieg ich auf einen hohen Hügel. Es war zur Mittagsstunde, in der die Sonne ihren Zenit erreicht hatte. Ein paar Menschlinge standen zu Fuße des Hügels und schauten mit neugierigen Blicken. Ich ignorierte sie und begann mein Ritual.

Ich murmelte in finsteren Stimmen und hielt meine Hand gen Himmel. Als ich die dunkle Energie um mich herum spürte, sammelte sich Finsternis in Form eines Speers in meiner Hand. Wie ein Fischer aus alten Zeiten hielt ich den Speer mit festem Griff, holte aus und schleuderte diesen schwarzen riesigen Pfeil mit Wucht und aller Kraft in den Himmel mitten in das Angesicht der Sonne.

Der magische Speer flog eine ganze Weile. Das Menschenvolk erschrak, als der schwarze Spieß sein Ziel traf und die Sonne pfählte.

Es wurde beunruhigend still. Dann einige Sekunden nach dem Attentat auf unser Zentralgestirn verfinsterte sich der Stern. Die Dunkelheit verteilte sich über die Sonne, als würde man Tinte in ein Glas mit Wasser tropfen lassen.

Da hing sie am Himmel, unsere Sonne, schwarz und schwer wie ein härener Sack.

Mein Vorhaben hatte ausgezeichnet funktioniert und dennoch verspürte ich keine Erleichterung. Der Anblick auf mein Werk machte mich sogar… traurig…

Mein unerwartet negatives Empfinden verwirrte mich, und so eilte ich rasch vom Hügel, bevor das Menschenvolk aus seiner Schockstarre erwachte und meinen Tod forderte.

Ja kaum dem Berg entstiegen hörte ich sie schon schreien “ Die Sonne ist tot! Du hast sie verfinstert! Der Teufel hat dich geschickt!“. Ich erkannte, dass mein Wunsch nach Sonnenlosigkeit nicht jeder teilte.

Mit Waffen rannten sie auf mich zu. Erst jetzt wurde ich mir der Tragweite meiner Tat bewusst. Angesichts meiner damaligen Situation nahm ich die Beine in die Hand und floh.

Es verging eine ganze Zeit. In meinem Heim dachte ich über meine Tat nach. Ich sehnte mich schlicht nach einer Pause vom Sommer. Nun war es kühl und dunkel, aber ich war nicht zufrieden.

Ich sah mir die Welt an und erblickte eine in trauer gefallene Natur. Die Pflanzen und Tiere brauchten ihre Sonne. Sie brauchten den Rhythmus aus Jahres- und Tageszeiten. Sie brauchten die Wärme des Frühlings, der die Pflanzen weckte. Ich begann mehr und mehr meine egoistische Tat zu bereuen…

Leid wollte ich nicht verursachen, und schon gar nicht an Tieren und Pflanzen! Ich liebte und liebe die Natur, sie war mir immer heilig und nun so schien es, hatte ich mich in etwas eingemischt, von dem ich gar keine Ahnung hatte. Ich beschloss, meinen Fehler wieder gut zu machen und forschte aufs Neue in alten Büchern. Es hat wieder sehr lange gedauert und die neue Hexerei, die ich erlernte war nicht weniger kompliziert als die erste.

Ich war entschlossen, meinen Fehler zu korrigieren und um neue Zauber reicher machte ich mich erneut auf den Weg zum Hügel. Eingehüllt in ein dunkles Tuch damit das Menschenvolk mich nicht erkannte so stieg ich den Hügel hinauf. Wieder stand ich dort Hexereien flüsternd. Wieder streckte ich meine Hand gen Himmel aus und spürte Energie. Ich warf mein Tuch fort, um das Ritual bewegungsfrei auszuführen. Ja das Menschenvolk erkannte mich schnell… Ich sah sie zu den Waffen greifen als ich diesmal keinen Speer in meiner Hand hatte, sondern nur diese Energie, die ich wie ein Sog in die schwarze Sonne hielt.

Ich spürte, wie der Sog kräftiger wurde, bis ein weißer Blitz meiner Hand entfuhr und zur Sonne eilte. Ein lauter Donner erschrak den gesamten Erdenrund, als man einen schwarzen Pfahl aus der Sonne kommen sah. Die Finsternis zog sich zurück und der schwarze Speer löste sich in Funken auf. Ich fürchtete das die Sonne nicht mehr erwachte, doch kaum war der Speer gezogen, so zündete der Stern erneut und erwachte zu neuem Leben. Die Sonne schien, als hätte es ihr Koma nie gegeben. Erschöpft blickte ich zum Menschenvolk. Mein Glück war es, dass die Menschen auch dieses Mal von dem himmlischen Schauspiel so gefesselt waren, dass ich rasch entkommen konnte bevor sie weiter auf mich zu stürmten.

Zur Ruhe gefunden machte ich mir Gedanken über all dies, was geschehen war.

In meinem Heim begegnete ich einer Assel.

Sie sah mich an und sprach zu mir: „Mein lieber Mortimer, du hattest großes Glück, dass du deinen Fehler korrigieren konntest und die Sonne nicht auf ewig verloren war.“

Etwas melancholisch stimmte ich dem Gliederfüßer zu und entgegnete ihr „ Mein Freund, kein Hass trieb mich an, keine Wut, kein böser Gedanke ließ mich die Sonne verfinstern, nein, es war einfach nur der Wunsch nach Abkühlung und gedimmten Licht. Ich war dem Sommer überdrüssig und handelte impulsiv…“

„Ja“ sagte die Assel „ Auch ich bevorzuge eine gewisse Dunkelheit, ich kann dich verstehen. Jedoch konnten wir beide sehen wie andere Wesen unter dem Schlaf der Sonne gelitten haben.“

„Mir ist nun klar geworden, dass ich mein eigenes Wohl nicht über das der anderen Wesen stellen darf und schon gar nicht, wenn es das Leiden für andere bedeuten würde.“ Erklärte ich der Assel.

„Deine finstere Magie verdunkelte die Sonne.“ Sagte die Assel.

„Nein“ Antwortete ich „ Die Magie war nicht finster, es war mein Denken und meine Motivation, die finster war. Soll uns dies eine Lehre sein, dass unsere geistige Motivation die Welt verfinstern aber auch erhellen kann.“

Die Zeit floss ins Land und so verfinsterte ich die Sonne nie wieder. Auch wenn mir der Sommer ein Graus war, so ertrug ich ihn nun für alle Wesen, die ihn brauchten.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

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